Es kommt eine Zeit als Fotograf, da hat man die Technik soweit im Griff, dass man sich voll und ganz seinen Visionen – sprich Bildideen – widmen kann.
Ich behaupte diesen Punkt erreicht man unbewusst. Es ist nicht so, dass man nach einer Checkliste vorgehen kann und sobald man diese abgearbeitet hat, ist man bereit für Kreativität. Es ist wie mit dem Autofahren, sitzt man das erste Mal am Steuer ist man vollauf damit beschäftigt zu lenken, Gas und Bremse zu betätigen, ganz zu schweigen von der Auswahl des richtigen Ganges und dem gefühlvollen Betätigen der Kupplung. Mit den Wochen und Jahren gehen alle diese Dinge aber in Fleisch und Blut über und man kann die „Mobilität“ in vollen Zügen genießen.

Aber zurück zur Fotografie. Die Grundvoraussetzung für Kreativität ist also, dass man die eigene Kamera und die fotografischen Grundlagen beherrscht. Leider treffe ich immer wieder ambitionierte Hobbyfotografen und Einsteiger die in der -ich nenne es mal- „Technikfalle“ gefangen sind. Auch nach Jahren beschäftigen sie noch Fragen, wie: “Arbeite ich mit dem „richtigen“ Kamerasystem oder verhilft mir die neueste Linse zu besseren Fotos?“
Die Werbung und leider auch so manches Fotoforum“ suggeriert uns immer wird, dass einem nur die neueste Kamera oder die neuesten Objektive zu noch besseren Fotos verhelfen. Anstatt also so viel Zeit wie möglich mit der Kamera draußen zu verbringen, zermartern sich viele zu Hause den Kopf drüber was man als nächstes kaufen „muss“ um überhaupt noch fotografieren zu können.

Ich empfehle euch stattdessen: „Nehmt die Ausrüstung die ihr bereits zu Hause habt und zieht los!“ Geht raus in die Natur, in den Garten oder in die Stadt und fotografiert damit.
Soweit, so gut. Ihr steht jetzt draußen mit der Kamera in der Hand und fragt euch: „Und nun?“
Vielleicht ist es schon eine Weile her dass ihr einfach so mit der Kamera losgezogen seid, ohne bestimmtes Ziel. Vielleicht sogar zum aller ersten Mal? Womit soll ihr anfangen?

Folgende 3 Punkte können euch schon mal helfen:

1. Zeit

Lasst euch Zeit und damit meine ich RICHTIG VIEL Zeit! Setzt euch mal hin und beobachte die Umgebung. Lasst die Szenerie auf euch wirken. Wahrscheinlich müssen sich auch erst einmal eure Gedanken beruhigen bis ihr den Kopf frei genug habt. Vielleicht können sich erst dann Ideen für Bilder entwickeln. Jeder von uns benötigt eine gewisse Anlaufzeit. Wie lang diese dauert ist unterschiedlich. Aber Kreativität und Inspirationen kommen nicht auf Knopfdruck.

2. Verrückte Ideen

Das menschliche Hirn ist darauf trainiert, verrückt oder dumm erscheinende Ideen von vornherein erst gar nicht aufkommen zu lassen. Aber, wollt ihr kreativ werden, lasst euch nicht blockieren und findet selbst raus ob eure spontanen Einfälle wirklich so „verrückt“ sind wie euch euer auf Logik trainierter Verstand weismachen will.

Möchtet ihr kreativ werden lautet die Devise: es gibt KEINE verrückten Ideen. Okay, okay: mit Sicherheit gibt es diese schon, aber nicht im aktuellen Zusammenhang mit der Kreativität!
Bevor ihr euch aber jetzt in gefährliche Situationen begebt, um eure Ideen umzusetzen erkläre ich mal lieber was ich damit meine.
Vergesst z.B. alle Regeln zum Thema Bildaufbau die ihr irgendwann aufgeschnappt habt. Brecht diese Regeln einmal ganz bewusst und schaut was dabei rauskommt.
Vergesst das Histogramm, macht mal absichtlich eine Überbelichtung oder eine Unterbelichtung des Motivs.
Spielt mit der Schärfe, muss es immer knackscharf sein?

Selbst wenn ihr nach einem Versuch den Schluss ziehen könnt, DAS war jetzt aber wirklich eine „dumme Idee“. Dann bringt euch vielleicht das Gegenteil dieser (z.B. Überbelichtung statt Unterbelichtung) zum Erfolg?

3. Die Ausrüstung

Ich hoffe nicht, ihr steht mit eurer kompletten Ausrüstung (3 Stativen, 2 Kameras, 7 Objektiven, 10 Filter, 2Blitzgeräte, etc…) im Wald und sucht nach Visionen. Das könnte mühsam werden.
Falls doch, hoffe ich der-/diejenige hat noch ein Model dabei und hat die Location bereits gefunden…. ;)
Spaß beiseite, nehmt ganz bewusst NICHT eure gesamte Ausrüstung mit auf eurer Suche nach der Kreativität!
Denn ein Zuviel an Ausrüstung, bietet euch zu viele Möglichkeiten und manchmal ist das kontra produktiv. Soll heißen, vielleicht könnt ihr euch in einer Situation in der ihr spontan reagieren müsst, nicht entscheiden welches der 7 Objektive denn nun das Beste für dieses Motiv ist. Bis ihr die Wahl getroffen habt ist das Motiv bereits wieder verschwunden und ihr habt eine sprichwörtlich einmalige Situation versäumt!
Also, lieber einmal nur mit einer Kamera und einem Objektiv losziehen und sich die Bilder erarbeiten. Ihr werdet von den Ergebnissen überrascht sein.

Wenn ich den Einen oder Anderen von euch nun inspiriert habe einfach mal wieder ohne bestimmtes Ziel los zuziehen und zu fotografieren habe ich schon etwas erreicht.

Lasst euch nicht entmutigen, sollte es beim ersten spontanen Ausflug nicht klappen.
Nicht immer gelingt es einem auch kreativ zu werden. Aber mit Sicherheit wird es euch immer leichter fallen je öfter ihr mit eurer Kamera unterwegs seid!

Seid unterwegs, kreativ, spontan und das aller Wichtigste habt Spaß!

In diesem Sinne, lasst euch von Fotograf zu Fotograf sagen:

„Nicht wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen, sondern wer KEINE Visionen hat sollte zum Arzt gehen!“ ;)